NZZ am Sonntag | Alexander Segerts Angstfabrik

Die Werbeagentur Goal etabliert sich als Kampagnenschmiede für Rechtspopulisten

Der als SVP-Werber bekannt gewordene Alexander Segert erobert das Ausland. Nach der österreichischen FPÖ hat ihn nun auch die Alternative für Deutschland entdeckt.

Christina Neuhaus | 18. September 2016

Alexander Segert, Goal, ZürichEine Westschweizer Zeitung nannte ihn einmal die «Stimme der Angst». Kein anderer Werber übersetzt konkrete Befürchtungen und diffuse Ängste so prägnant in einfache Bilder wie Alexander Segert. Schwarze und weisse Schafe, verschleierte Frauen, faule Griechen, tricksende Politikerinnen: Die Bildsprache der auf politische Kampagnen spezialisierten Agentur Goal ist unverkennbar. Nach der SVP, für die er vor 20 Jahren sein erstes Wahlplakat entwarf («Schafft menschliche Wärme: Rita Fuhrer»), haben ihn nun auch Rechtsparteien aus dem nahen Ausland entdeckt. Segert warb für die österreichische FPÖ, wurde in Tschechien kopiert und ist nun von einem ominösen Gönnerklub der deutschen AfD entdeckt worden.

Anonymität garantiert
Während die offizielle Wahlwerbung der Alternative für Deutschland verhältnismässig nüchtern daherkommt, wird in den vom «Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten» finanzierten Extrablättern richtig dick aufgetragen. Finstere Einbrecher spähen durch Jalousien auf verängstigte Hausfrauen, und ein ausländischer «SexMob » terrorisiert deutsche Schwimmbäder.
Gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel » liess Alexander Segert den Auftrag letzte Woche unkommentiert. Nun haben ihm die Hamburger Journalisten den Kontakt Alexander Segerts Angstfabrik nachgewiesen: Die Bildrechte in der krawalligen Streusendung wurden von der Agentur Goal erworben. Die Spekulationen über eine «Swiss Connection der AfD» haben damit wieder Auftrieb erhalten (vgl. Box).
Alexander Segert – ein ruhiger, höflicher Mann – ist kein Werber wie andere. Er trägt weder uniformes Schwarz, noch spricht er in Wortblasen. Wortkarg wird er nur, wenn man sich nach seinem Kundenkreis erkundigt. Auf alle anderen Fragen antwortet er in druckreifen Sätzen. Wie fühlt er sich als Stimme der Angst? «Das ist doch eine tolle Bezeichnung. Hätte der Mensch keine Angst, wären unsere Vorgänger von wilden Tieren gefressen worden, und wir sässen jetzt nicht hier.» Segerts Credo – vielleicht auch seine Rechtfertigung – lautet so: Kommunikation muss die Ängste und Sorgen der Bevölkerung aufnehmen, sonst verabschieden sich die Leute von der Politik. Wie viele deutsche Einwanderer ist der 53-Jährige ein grosser Anhänger der direkten Demokratie. Deshalb, sagt er, sei er auch der SVP beigetreten. Sie sei die einzige Partei, die sich dafür einsetze, dass sich die Verhältnisse in der Schweiz nicht noch mehr den deutschen annäherten.
Segert, der in Hamburg aufgewachsen ist, studierte in Konstanz und Zürich Germanistik und Geschichte. In der Schweiz arbeitete er erst als Lehrer, danach als Journalist für die rechtsnationale «Schweizerzeit» und das SVP-Organ «Zürcher Bote». Zur politischen Kommunikation fand er denn auch in der Wandelhalle und den Sitzungszimmern des Bundeshauses in Bern. Er fand heraus, dass Politik im Wesentlichen hinter verschlossenen Türen gemacht wird, und liess sich vom Gründer der Agentur Goal als Kommunikationsfachmann anstellen. Segerts Agentur beschäftigt heute 13 Angestellte. Unter den ungefähr 60 Kunden befinden sich auch viele Verbände und Privatpersonen. Die Spezialität von Goal aber sind politische Kampagnen. Segert lässt Ausgangslage und gesellschaftliche Strömungen minuziös analysieren, um die Sujets dann darauf abzustimmen. Eine Kampagne könne nur erfolgreich sein, wenn sie zum Kunden passe, sagt er.
Wer anonym bleiben will, kann auf die Diskretion der Agentur zählen. Um seine Auftraggeber nicht preisgeben zu müssen, liess sich Segert aus der Schweizerischen PublicAffairsGesellschaft werfen. Von einer Offenlegungspflicht von Parteispenden hält er entsprechend wenig. Viele seiner Kunden wollten sich zwar politisch betätigen, aber öffentlich nicht mit einer Partei in Verbindung gebracht werden. Segert findet dieses Anliegen legitim.

«Hasse es, zu verlieren»
Betätigt er sich deshalb für einen anonymen Auftraggeber in Deutschland? Segert zuckt die Achseln und schweigt. Dann lässt er sich aber doch noch entlocken, dass er nicht gezielt im Ausland akquiriere. Die Kunden finden ihn – nicht umgekehrt. Der Erfolg seiner handwerklich gut gemachten Kampagnen mit den groben Die Werbeagentur Goal etabliert sich als Kampagnenschmiede für Rechtspopulisten Inhalten hat sich herumgesprochen. Doch kann die Demokratie so viel Simplifizierung ertragen? Treiben Bilder, die schwarze Hände zeigen, wie sie nach dem Schweizer Pass grapschen, nicht einen Keil durch die Gesellschaft? Alexander Segert findet, die Demokratie leide nicht an Vereinfachung, sondern an Verkomplizierung. Zu viele Menschen hätten sich deshalb schon von der Politik verabschiedet. «Nach polarisierenden Kampagnen steigt die Stimmbeteiligung regelmässig an: Das stärkt die Demokratie.» Hat er schon einmal etwas bereut? «Ja, ich hasse es, wenn wir eine Abstimmungskampagne verlieren.»

 

Deutschland sucht die «Swiss Connection»

Blocher: Die SVP ist es nicht

Seit Tagen beschäftigen sich deutsche Medien mit der Frage, wer hinter dem ominösen «Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten» steckt. Der anonym agierende Klub liess in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg- Vorpommern und nun in Berlin grosszügig Wahlwerbung für die rechtspopulistische Alternative für Deutschland schalten und steht deshalb in Verdacht, gegen die Vorschriften zur Parteienfinanzierung verstossen zu haben. Am Samstag schrieb der «Spiegel», er sei nun auf eine weitere Spur gestossen, die zur Werbeagentur Goal «und damit in das Umfeld der Schweizerischen Volkspartei führt». Darauf angesprochen, wehrt SVP-Doyen Christoph Blocher allerdings ab: Die SVP unterhalte keine Kontakte zu ausländischen Parteien », sagte er am Samstag.

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